Innerhalb der vergangen Jahrzehnte hat sich der Individualisierungsgrad unserer Gesellschaft erheblich erhöht. Im Laufe dieser Entwicklung hat es Individualisierungsgewinner und Individualisierungsverlierer gegeben.
Ich gehöre zu den Individualisierungsgewinnern. So wie die meisten von uns. Seltsam nur, dass die Allianz der Individualisierungspessimisten dies anders sieht. Die Pessimisten vertreten die Meinung, dass der Einzelne in unserer Individualgesellschaft auf verlorenem Posten steht, dass er anonym in der Masse aufgeht, Individualismus also eine Fehlentwicklung ist. Als Individuum wird man von Demagogen nur ausgenutzt oder gar als Spielball von Minderheiten missbraucht. So ihre Thesen. Der Tiefenpsychologe Fritz Riemann hat in seinem Buch "Die Grundformen der Angst" diese Einstellung als "Angst vor der Ichwerdung" charakterisiert. Die Pessimisten betrachten in ihrem Kleinmut daher jede Form von Liberalisierung als Schritt in die falsche Richtung. Ihr Argwohn gegen freiheitliche Strömungen hat phasenweise schon längst liberalophobe Züge angenommen.
Sie keilen gegen Neoliberalismus, gegen soziale Kälte, gegen Raubtierkapitalismus, gegen Ellenbogenmentalität und die ungleiche Verteilung des Vermögens. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander klagen sie.
Der Vorwürfe gibt es viele, doch bei alledem übersehen die hartnäckigen Untergangsideologen, dass ihnen die einstige Glaubensgemeinschaft nicht mehr so richtig folgen mag. Sie schmilzt dahin, die Schicht der Verlierer und der Verängstigten.
Der Vorteil, in einer Individualgesellschaft zu leben, ist größer, als so mancher zugeben mag. Lafontaines feudales Eigenheim, das Ressort von Sarah Wagenknechts Ehemann in Irland, die hohen Diäten, der Porsche und das Wochenendhaus von Klaus Ernst sind aktuelle Beispiel dafür, dass die angenehmen Seiten des Individualisierungsprozesses inzwischen auch bei den Linken angekommen sind.
Dennoch halten sie an ihrer alten Glaubenslehre fest. Aber nicht nur die Linken, auch die SPD, die Grünen und - etwas verhaltener - die CDU stoßen in das gleiche Horn. Nur die FDP hält halbherzig dagegen. Aber so richtig einsetzen für mich als Individualisierungsgewinner mag sich keine der Parteien. Weshalb nicht? An dieser Stelle darf ich ein Zitat von Bob Hope anführen:
Untergangspropheten, die vom Pessimismus leben - und gar nicht schlecht - empfinden jede Art von Zuversicht zwangsläufig als Existenzbedrohung.
Da ist zweifellos etwas dran. Die Pessimisten wollen uns ständig einreden, dass nur sie uns retten können. Dabei brauchen wir keine Rettung. Und wenn doch, dann eine aus ihrer Umklammerung.
Den Individualisierungspessimisten ist es gelungen, uns Optimisten in die ideologische Geiselhaft zu nehmen. Sie haben schlicht und ergreifend ihre Auffassung, dass der Individualisierungsprozess von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, zum Dogma erklärt. Damit kann es ihrer Vorstellung nach über die Jahre hinweg keine Gewinner geben. Mit dieser Einstellung stempeln sie die gesamte Individualgesellschaft zur verlorenen Generation. Ihre Belege hierfür sind mehr als fragwürdig und dennoch gibt es niemanden, der ihnen herzhaft widerspricht.
Wo sind sie, unsere Retter? Wo ist die politische Kraft, die sich gegen den Pessimismus stellt und uns aus der ideologischen Geiselhaft befreit? Wo sind die Politiker, die unserem zugegebenermaßen mehr als unkultivierten Individualismus eine stramme kultivierte Note verpassen? Ich möchte meinen Status als Individualist nicht aufgeben, nur weil die Untergangsphobiker ihre Ängste allenfalls dadurch bannen können, indem sie sich in die sicheren Arme eines Kollektivs werfen. Das lässt schon meine narzisstische Triebenergie nicht zu.
Nach der Sex-Welle der 60er, 70er und 80er Jahre haben wir es nämlich inzwischen mit einer mächtig heraufdonnernden Narzissmus-Welle zu tun. Der Freud'schen Lehre zufolge verfügen wir neben unserem Selbsterhaltungs- und dem Sexualtrieb über eine weitere archaische Triebkraft: Der narzisstischen Triebenergie. Und die setzt sich in unserer Gesellschaft immer ungehemmter frei. Dem Selbstentfaltungs- und Selbstdarstellungsbedürfnis sind inzwischen keine Grenzen mehr gesetzt. Ob Deutschland Sucht Den Superstar, X-Faktor, Germany's Next Topmodell oder The Biggest Loser, es gibt kaum einen Abend, an dem nicht irgend ein Castingformat über den Bildschirm flimmert. Diese exzessiven Neigungen zur Selbstdarstellung und zur Selbstentfaltung sind es letzten Endes, die dem Drang zur individuellen Selbstverwirklichung einen neuen Schub verliehen haben.
Der neuen Klasse der Powernarzissten bietet keine der etablierten Parteien eine politische Heimat an. Und es werden immer mehr, wie man an der steigenden Zahl der Nichtwähler und Politikverdrossenen erkennen kann. Vielleicht ist das die Chance für Nischen- und Klientelparteien. Die Zeit der Volksparteien, so scheint es, ist jedenfalls vorüber. Es sei denn, es gelingt einer politischen Kraft sich dem Thema Individualgesellschaft innovativ und überzeugend zu öffnen. Doch dazu gehört mehr als nur das Versprechen, die Steuern zu senken und das Besteuerungssystem zu vereinfachen. Auch eine Individualgesellschaft braucht eine Ordnung an die sich jeder halten kann. Eine solche Ordnung darf nicht lauten: "Macht aus den Individualisierungsgewinnern Verlierer", sondern "macht aus den Verlierern Gewinner".
Worin unterscheiden sich Individualisierungsgewinner von Individualisierungsverlierern?
Um sich als Individuum in einer Individualwelt behaupten zu können, ist es erforderlich, einen Emanzipationsprozess zu durchlaufen, an dessen Ende die reife, selbständige und eigenverantwortliche Persönlichkeit steht. Unter einer Persönlichkeit versteht man im Allgemeinen ein Individuum, dem es gelungen ist, sich aus der Masse zu erheben. Maßgeblicher Teil dieses Reifeprozesses ist die Entwicklung folgender Kernkompetenzen:
- Gesundheitsbewusstsein
- Finanzielles Geschick
- Geschulter Intellekt
- Emotionale Intelligenz
- Tragfähiges Weltbild
Nur wer sich gesund und leistungsfähig erhalten kann, wer über eigene Finanzmittel verfügt, wer sich in einer ausufernden Informationsgesellschaft zurecht findet, wer in der Lage ist, Beziehungen, Partnerschaften und Netzwerke aufzubauen und zu erhalten und darüber hinaus im Leben einen Sinn sieht, der ist einer komplexen Individualgesellschaft gewachsen.
Die Verantwortung für die Entwicklung einer derartigen Persönlichkeitsstruktur liegt beim einzelnen Menschen selbst. Nur er allein kann dafür sorgen, dass eventuell vorhandene Defizite abgebaut werden. Diese Aufgabe kann niemand, weder Staat noch Gesellschaft, noch Politik, noch irgendein Partner stellvertretend übernehmen.
Weshalb sollte sich jemand freiwillig einem solchen - mitunter mühsamen - Entwicklungs- und Individualisierungsprozess unterziehen? Nun ganz einfach, weil es große Vorteile bringt. Je höher der selbst erarbeitete individuelle Freiheits- und Unabhängigkeitsgrad ist, um so höher ist die persönliche Lebensqualität. Wem es gelingt, sich gesund, vital und mobil zu erhalten, wer über den notwendigen Ehrgeiz verfügt, sich einen Job zu ergattern und den eigenen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, wer seinen Intellekt darin schult, sich in unserer komplexen Informationsgesellschaft zurecht zu finden, wer über genügend emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz verfügt, tragfähige Beziehungen und Partnerschaften aufzubauen und soziale Netze zu knüpfen und wer schließlich in der Lage ist, sich ein gesundes Weltbild zusammen zu zimmern, der hat nicht nur einen hohen Freiheits- und Unabhängigkeitsgrad, nein, dem geht es einfach besser als jedem anderen, dem es an Gesundheit, Geld, Bildung, Ansehen und Lebensfreude mangelt.
Wie sehr sich Arbeit und Mühsal lohnen, beweisen nicht zuletzt Menschen mit Handicaps. Oft genug sind sie es, die uns gesunden Menschen vorbildhaft vorleben, dass man trotz körperlicher Beeinträchtigungen mit der richtigen Einstellung und dem notwendigen Einsatz ein hohes Maß an Lebensqualität erreichen kann. Gerade diese Menschen setzen alles daran, möglichst allein und ohne fremde Hilfe zurecht zu kommen.
Mit dem Individualitätslevel steigt auch der Attraktivitätsfaktor. Diesen Attraktivitätsfaktor brauchen wir dringend im täglichen Wettbewerb um potentielle Partner, um einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz oder um die Treue der Stammkundschaft.
Ein gepflegter Mensch wirkt einfach attraktiver als einer, der sich gehen lässt. Ein gut situierter Angestellter wirkt attraktiver, als jemand, der eine Pleite hingelegt hat. Gebildete Zeitgenossen wirken attraktiver als geschwätzige Langweiler. Smarte Männer und charmante Frauen wirken attraktiver als Machos und Zicken. Optimisten wirken attraktiver als notorisch misstrauische Verschwörungstheoretiker.
Wem es gelingt, sich selbst entsprechend zu formen und ein ansprechendes Niveau zu erreichen, gehört zu den Individualisierungsgewinnern, wem es - aus welchen Gründen auch immer - nicht gegeben ist, seine Kernkompetenzen zur Entfaltung zu bringen, der wird sich zu den Individualisierungsverlierern zählen müssen.
Je mehr Individualisierungsgewinner es gibt, also Menschen, die in der Lage sind, sich selbst zu strukturieren und dadurch ein freies und unabhängiges Leben zu führen, um so mehr werden die Sozialsysteme entlastet. Denn hauptsächlich die Individualisierungsverlierer sind es, die die öffentlichen Kassen belasten.
Diese Erkenntnis eröffnet plötzlich einen vollkommen neuen Blickwinkel auf die Integrationsdebatte. Migranten mit muslimischem Hintergrund sind zumeist dem Clandenken verhaftet. Das Ideal eines individuellen und damit freien und unabhängigen Lebens ist im Gegensatz zur westlichen Entwicklungslinie nicht Teil ihrer kulturellen Geschichte. Bevor man von ihnen erwartet, dass sie sich integrieren, müsste man sie auffordern, zum Individualismus zu konvertieren. Das hieße, sich von den Clanbindungen zu lösen und sich aus den gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien, sich also zu emanzipieren. Ein solcher Emanzipationsprozess, also das Reifen hin zu einer autarken, zu einer eigenständigen, selbständigen und individuellen Persönlichkeit, ist von entscheidender Bedeutung. Und zwar für jeden Bürger, der in einer Individualgesellschaft lebt. Ob Migrant oder nicht. Hier gibt es noch erhebliche Defizite.
Mit dieser Feststellung tangieren wir den wichtigen Bereich der Bildung. Das Hauptproblem heutiger Bildungspolitik ist das fehlende Bildungsziel. Das Thema Bildung wird in hohem Maße von den Individualisierungsskeptikern dominiert. Eine Lehrerschaft, die sich unschlüssig darüber ist, ob Individualismus eine tolle oder aber eine weniger gute Sache ist, und sich im Zweifelsfall womöglich dagegen entscheidet, kann den Kindern und Jugendlichen nicht das richtige Lebensgefühl vermitteln und sie auch gar nicht auf ein Leben als freier und unabhängiger Mensch vorbereiten. Im Unterricht wird daher zu wenig Wert auf die Vermittlung der für das Leben in einer Individualgesellschaft erforderlichen Kernkompetenzen gelegt. Wer, wie viele Pädagogen, davon überzeugt ist, dass der Individualisierungsprozess in die falsche Richtung geht, der kann unseren Kindern und Jugendlichen auch nicht beibringen, wie man einen möglichst hohen Freiheits- und Unabhängigkeitsgrad erreicht. Doch genau das sollte Ziel und Inhalt des Unterrichts sein.
Es ist an der Zeit, dass sich gegen die Allianz der Individualisierungspessimisten eine Allianz der Optimisten formiert. Die Chancen hierfür sind durchaus vorhanden, denn wie lautet das Credo aller freiheitlichen Geister? Der freie Markt wird es schon richten. Wo es eine Nachfrage gibt, wird es irgendwann auch einen Anbieter geben, der diese Nachfrage stillt. Das sind die Gesetzmäßigkeiten der freien Marktwirtschaft (so sie noch funktionieren). Diese Aussicht lässt mich (vorsichtig) hoffen.