Als ich Anfang der Siebziger Jahre meine Ausbildung bei der Finanzverwaltung begonnen habe, war die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Parteien, Konfessionen und Gewerkschaften waren die staatstragenden Instanzen. Beamte galten als Inbegriff der bürokratischen Ordnung und Korrektheit, Ärzte waren noch Halbgötter in Weiß, Pfarrer verkörperten die höchste moralische Instanz auf Erden. Man hatte Respekt vor Rollen-, Mandats- und Würdenträgern. Doch dieser Respekt geriet damals schon ins Bröckeln. Im Zuge der 68er Revolte drängte eine Generation an die Macht, die sich auf die Fahnen geschrieben hatte, das Establishment zu stürzen. Ihr Ziel ist in Erfüllung gegangen. Die Parteien sind im Niedergang, Gewerkschaften haben an Macht eingebüßt, Gläubige treten reihenweise aus der Kirche aus. Der Nimbus von Beamten, Politikern, Ärzten und Pfarrern ist auf dem Nullpunkt. Sogar dem höchsten politischen Staatsamt, das des Bundespräsidenten, wird inzwischen der nötige Respekt versagt. Die bürgerliche Ordnung hat sich komplett verabschiedet. Was geblieben ist, ist eine Gesellschaftsform, die sich nur noch als unkultivierten Individualismus bezeichnen lässt.
Es gibt keine moralischen Grenzen mehr. Das stärkste Druckmittel im Sozialisierungsprozess früherer Generationen ist uns aus den Händen geglitten. So lange der Mensch als Einzelner, als Single nicht überleben konnte, sondern auf den Rückhalt der Familie oder der Sippe angewiesen war, konnte die Gemeinschaft Druck ausüben. Die Drohung, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, reichte schon aus, um die jeweiligen Mitglieder reglementieren zu können. An genau diesem Druckmittel fehlt es heute. Bildung und Wohlstand haben uns ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit beschert. Das ging auf Kosten des Sozialisierungsdrucks. Es gibt ihn nicht mehr. Die Folge: Jeder tut was er will und niemand kann ihn zur Rechenschaft ziehen. Wir können keinen mehr aus irgend einer Gemeinschaft rauswerfen. Den Job der Familien und Sippen als Überlebensgemeinschaft hat der Staat übernommen. Mobber, Stalker, Mietnomaden, Abzocker, Hardcorekapitalisten, Berufsstänkerer, Arbeits- und Bildungsverweigerer, Anarchisten, Rechts- und Linksradkale, sie zersetzen unsere Gesellschaft. Egal, wie sozial oder unsozial sich jemand benimmt, er kann es sich entweder Kraft eigener Einkünfte leisten, gegen jedes Maß an Anstand und Moral zu verstoßen oder das Netz des Wohlfahrtstaates fängt jeden bedingungslos auf. Wer sich daneben benimmt, braucht keine Sanktionen zu befürchten, denn wenn alle Stricke reißen, bekommt auch der letzte Sozialschädling noch seine Stütze. Warum? Weil er einen (grund-)gesetzlichen Anspruch darauf hat.
Das Erziehungssystem "Sozialisierungsdruck" funktioniert genau aus diesem Grund nicht mehr. Es funktioniert überhaupt kein Erziehungssystem mehr. Darunter leiden Eltern, darunter leiden Lehrer, darunter leiden Ordnungsorgane wie Polizei und Fiskus. Darunter leidet die komplette Gesellschaft. Sie wird daran zugrunde gehen, wenn es nicht gelingt, dem unkultivierten Individualismus Einhalt zu gebieten, ihn in eine kultivierte Form zu transformieren und schlussendlich einen neuen Sozialisierungsdruck aufzubauen.