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Egoismus 3.0

Kultivierter Individualismus

Wie bereits beschrieben, schützt und stärkt der Egoismus der Variante 1.0 die Gruppe und verhindert das Abweichen der einzelnen Mitglieder von den Gruppennormen.

Der Egoismus der Variante 2.0 sorgt dafür, dass sich das Individuum von der Gruppe lösen und seinen eigenen Entwicklungsweg gehen kann. Egoismus der Variante 2.0 stellt also nicht die Gruppe, sondern das individuelle Ich in den Mittelpunkt (Egozentrik). Das erfordert eine komplett andere Sozialstruktur und eine andere Ethik. 

Um sich von Macht und Einfluss der Gruppe zu emanzipieren, muss das individuelle Ich lernen, sich abzugrenzen und eine stabile Eigendrehung zu entwickeln. Dazu brauchen wir unsere narzisstische Triebenergie. Die gesamte Kraft und Ausdauer muss auf die Ausformung und Entwicklung der Egostrukturen gerichtet werden. Gemeinschaft wird nicht gesucht, sondern gemieden. Das Trennende wird überbetont, um die eigene Identität zu finden und zu definieren. So lange das Ich mit einem labilen Gleichgewichtszustand zu kämpfen hat, lebt es in der ständigen Angst vor einem Kollaps oder dem Rückfall ins verschlingende Bewusstseinsfeld eines Kollektivs.

Nähe wird während dieser Phase automatisch als bedrohlich empfunden. Das geht auf Kosten der Solidarität und der Hingabefähigkeit und hat zur Folge, dass Familien sowie andere Solidar- und Überlebensgemeinschaften den Rückhalt ihrer Mitglieder verlieren und auseinander fallen.

Genau dieser Prozess spielt sich gegenwärtig ab. Das hat seine Vor-, aber auch Nachteile. Wer stark genug ist, der findet seinen Weg alleine und kann sich gut behaupten. Doch was ist mit den Schwachen? Was ist mit jenen, die während der kollektivistischen Phase im Schutze der Gruppe ihr Auskommen und ihre Nische gefunden haben, nun aber immer mehr den Rückhalt der Gemeinschaft verlieren? Sie fühlen sich überfordert und allein gelassen, denn sie haben sich ja nicht freiwillig dieser Entwicklung anvertraut. So, wie es Menschen gibt, die zwangsweise in Gemeinschaften leben müssen und sich nicht einfach aus dem Staub machen können, so gibt es Menschen, die unfreiwillig für sich alleine sorgen müssen, weil sich keiner um sie kümmert. Sie gehören zu den Verlierern des Individualisierungsprozesses. Aber auch jene, die scheinbar stark und autark ihre Bahnen ziehen, erleben diese Situation mitunter als unbefriedigend. Nähe, Wärme, Solidarität, Mitgefühl, all das kann nicht gelebt werden, die Gesellschaft fällt immer mehr auseinander und droht zu verrohen.

Mit dieser Feststellung haben wir die Gefährdungslage des Egoismus der Variante 3.0 definiert. Die aktuelle Bedrohung besteht also darin, dass sich die moderne Gesellschaft zwar ganz bewusst und aus guten Gründen für eine Individualkultur entschieden hat, jedoch für eine solche Gesellschaftsform noch keine allgemein gültigen Regeln entwickelt werden konnten.

Der durch Überlebensgemeinschaften gewährleistete Schutz kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Er lässt sich auch nie mehr zurück gewinnen. Jeder ist auf sich allein gestellt. Die vereinzelten Mitglieder der Gesellschaft haben als Antwort darauf die Ellenbogen ausgefahren. Im Kampf jeder gegen jeden fallen die letzten Skrupel. Wir sind einander auf allen Lebensfeldern zu Rivalen und Konkurrenten geworden. 

Wo liegt die Rettung? Im Zurück zum Kollektiv? Das liegt nahe, wird auch vielfach vehement von den linken (aber auch rechten) Kräften unserer Gesellschaft eingefordert, scheitert aber daran, dass ihren Appellen keiner mehr so richtig folgen will. Die Furcht jedes einzelnen Individuums vor dem Egokollaps entzieht den klassischen Solidargemeinschaften und Kollektiven Kraft und Substanz. Die Angst vor Nähe ist zum Massenphänomen geworden. Sie zersetzt jede Form von Gemeinschaftssinn. Den Rest erledigt die narzisstische Triebenergie. Ohne sie wäre der individuelle Reifeprozess nämlich gar nicht möglich.

Einen Weg zurück gibt es also nicht. Damit liegt die Richtung fest. Es kann nur nach vorne gehen. Keiner will mehr seine mühsam gewonnene Egostruktur wieder in den kollektiven Sumpf zurücksinken lassen. Das individuelle Ich ringt mit aller Macht um seine Existenz. Es versucht krampfhaft sich zu behaupten und zu festigen. Nicht abschwächen, sondern stärken, heißt daher die Devise für unser Bedürfnis nach Einmaligkeit, Freiheit und Unabhängigkeit. Wir müssen unsere Individualität kultivieren. Wir brauchen einen starken und belastbaren, wir brauchen einen kultivierten Individualismus.

Nur ein starkes Ego, das sich seiner selbst sicher ist, kann Nähe zulassen. Die Angst vor Hingabe muss überwunden werden und einer selbstbewussten Begegnungs- und Beziehungskultur weichen. Das Ego der Variante 3.0 ist sich also seiner selbst bewusst. Es ist gefestigt, kultiviert und beziehungsfähig. Repräsentiert der Egoismus der Variante 2.0 noch eine sehr unkultivierte Form des Individualismus, so entwickelt sich der Egoismus in der Variante 3.0 zu einer Individualkultur auf hohem Niveau, zu einem kultivierten, einem "high level" Individualismus.

Die Tugenden des kultivierten Individualismus lesen sich folgendermaßen:

Ganzheitlichkeit, Eigenständigkeit, Souveränität, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Offenheit, Hingabefähigkeit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, Selbstbewusstsein, Bildung, Höflichkeit, Mitgefühl, Toleranz, umfassende Kompetenz, Gerechtigkeitssinn und Zivilcourage.

Zu den Sünden zählen:

Gier, Macht- und Dominanzstreben, Herrschsucht, Selbstsucht, Skrupellosigkeit, Habsucht, Intoleranz, Unehrlichkeit, Heuchelei, Arroganz, Neid, Eifersucht, Geiz, Maßlosigkeit, Dummheit, Ignoranz, Vergeudung, Grausamkeit, Aggression, Heimtücke, Gemeinheit, Vertragsbruch, Gleichgültigkeit. 

Wer auf seine Gesundheit achtet, wer in der Lage ist, für sein Auskommen selbst zu sorgen, wer über einen geschulten Intellekt verfügt, wer seine emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz zur Entfaltung gebracht hat, wem ein tragfähiges Welt- und Menschenbild Halt und Orientierung gibt, der verfügt über eine starke Ichstruktur, der hat ein stabiles Selbstwertgefühl. Der kann es sich leisten, tolerant, großzügig, souverän, offen, mitfühlend, hilfsbereit, couragiert und verlässlich zu sein. Wer unter gravierenden Defiziten zu leiden hat, wird viel eher nach den Regeln der Ellenbogengesellschaft handeln. Er wird im anderen meist den Rivalen und Konkurrenten sehen, er wird sich aus Angst vor dem Verlust der eigenen Identität abgrenzen und absondern, gleichzeitig jedoch den Mangel an Nähe und Solidarität beklagen. Es ist an der Zeit, für eine neue Form von Egoismus. Pflegen wir künftig einen kultivierten Egoismus, indem wir für uns selbst die volle Verantwortung übernehmen. Wenn es uns gelingt, gesund zu bleiben, unser eigenes Geld zu verdienen, unseren Intellekt zu schulen, unsere Beziehungen zu pflegen und ein tragfähiges Welt- und Menschenbild zu entwickeln, dann erreichen wir einen hohen Freiheits- und Individualisierungsgrad.



 

 

 

 

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Moral speist sich einzig aus dem Wunsch zu überleben.

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