Am 7. Februar 2005 wurde die Kurdin Hatun Sürücü mit mehreren Schüssen in den Kopf und den Oberkörper an einer einsamen Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof niedergestreckt. Die tödlichen Schüsse fielen aus nächster Nähe. Sie wurden von Hatuns eigenem Bruder, dem 18-jährigen Ayhan abgefeuert. Dieser Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen "Ehrenmord", an dem wohl die gesamte Familie beteiligt gewesen ist. Grund war der westliche Lebensstil, zu dem sich die in Berlin aufgewachsene Hatun hingezogen fühlte. Mit Fünfzehn Jahren war sie in der Türkei mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden, hielt es dort jedoch nicht lange aus und kehrte nach kurzer Zeit schwanger nach Berlin zurück. Sie weigerte sich standhaft, ein Kopftuch zu tragen und floh nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Eltern und den Brüdern in ein Mutter-Kind-Heim. Dort holte sie ihren Hauptschulabschluss nach und begann mit einer Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Zwischendurch hatte sie ein paar Liebschaften, auch mit deutschen Männern. Diese Schande war dem Clan zu viel. Über Hatun wurde das Todesurteil verhängt und der jüngste Bruder musste es vollstrecken.
Hier haben wir es mit einem klassischen Fall der Egoismus-Variante 1.0 zu tun. Hatun war dem Gruppen-Egoismus ihres Clans zum Opfer gefallen, genauso wie Günter Litfin, Roland Hoff, Rudolf Urban, Bernd Lüsser und mindestens 121 andere ostdeutsche Bürger, die die Flucht vor dem Gruppenegoismus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik nicht überlebten. Oder nehmen wir die 27-jährige Neda Agha-Soltan. Sie wurde, so wird zumindest von Augenzeugen behauptet, während der Unruhen im Gefolge der iranischen Präsidentschaftswahlen von einem Angehörigen der paramilitärischen Bassidsch-Miliz erschossen. Ein Handy-Video, das ihren Tod dokumentierte, ging um die Welt. Ihr wurde zum Verhängnis, dass sie sich nicht mehr mit den Machenschaften der Teheraner Politikerkaste identifizieren konnte und deshalb für die Ablösung dieses Regimes auf die Straße ging.
Was bewegte all diese Menschen gegen ihre Familie, den eigenen Staat, das Regime aufzubegehren und trotz Gefahr für Leib und Leben die Geborgenheit, aber auch die Enge der Gemeinschaft zu verlassen und ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu suchen? Sie haben ihr eigenes Ich, ihr eigenes Ego entdeckt. Und damit sind wir beim Egoismus der Variante 2.0 angekommen. Hier haben wir es nicht mehr mit einem Gruppen-, sondern mit einem Individual-Ego zu tun. Das ist genau das Ego, vor dem alle Priester und Moralisten der Welt immer wieder gewarnt haben. Das Individual-Ego hat sich, so scheint es, entgegen aller drastischen Versuche einen fortschreitenden Individualisierungs-Prozess zu unterbinden, schlussendlich durchgesetzt. Zumindest in unseren Breitengraden. Der Kampf war hart und verlustreich. Aber er hat sich gelohnt. Es will wohl niemand mehr ernsthaft die Verhältnisse zurück haben, wie sie in der DDR oder in der Sowjetunion herrschten. Aber dennoch, es sind noch viele nicht in der Individualwelt angekommen.
Ein stabiles Individual-Ego ist nicht, wie viele meinen, ein Geschenk Gottes, sondern das Ergebnis eines Reife- und Entwicklungsprozesses, der im Einzelfall unterschiedlich abläuft und auch unvollendet bleiben kann. Genau hierin liegt das Problem. Das individuelle Ich muss sich zuerst formen und entwickeln, bevor es seine eigentliche Aufgabe erfüllen kann: Nämlich uns allen zu helfen, den Alltag und die Herausforderungen eines Lebens außerhalb der schützenden Gemeinschaft von Familien, Clans oder Kollektiven zu meistern.
In jedem von uns steckt ein unzerstörbarer narzisstischer Kern. Dieser narzisstische Kern ist es, der unser Ego wachsen und gedeihen lässt und es mit seinen Triebenergien zur Entfaltung bringt. Es ist daher unser unausweichliches Schicksal und unsere Aufgabe, so scheint es, den eigenen, individuellen Weg zu gehen und nicht als Teil eines großen Ganzen, sondern als Einzelwesen zu wachsen und zu reifen.
Damit sind jedoch viele überfordert, denn unser Ich formt sich zunächst nur sehr zögerlich aus einem äußerst instabilen, verletzlichen und fragilen Bewusstseinsfeld. So lange sich dieses Bewusstseinsfeld nicht hinreichend gefestigt hat, lebt unser Ich in der ständigen Angst zu kollabieren oder von einem anderen, größeren Ich aufgesogen zu werden.
Damit haben wir die Gefährdungslage der Egoismus-Variante 2.0 herausgeschält: Die Angst vor dem Ego-Kollaps. Folge: Ein Ich gebärdet sich umso "egoistischer", je instabiler und fragiler es sich fühlt. Wir haben es in diesem Fall mit einem Phänomen zu tun, das ich als Paradoxon der Egoismus-Variante 2.0 bezeichne: Je instabiler das Ego, umso "egoistischer" verhält sich der Mensch. Dieses Paradoxon gefährdet nicht nur die Gemeinschaft, nein, es verhindert sie sogar. Denn so lange ein Ich nicht stabil ist, grenzt es sich permanent ab, es erträgt keine Nähe und geht deshalb sofort auf Distanz, wenn es sich bedroht fühlt. Die Devise lautet: Bleib mir ja vom Leib und komm mir nicht zu nah! Der Focus unserer Aufmerksamkeit ist ständig auf das eigene Ich ausgerichtet. Das Ich steht permanent im Zentrum unserer Betrachtungen, wir haben uns zu einer egozentrischen und narzisstischen Gesellschaft entwickelt.
Dieses Paradoxon ruft die Individualismuskritiker und Individualismuspessimisten auf den Plan. Sie bezweifeln, dass das Individuum je stark genug sein wird, ein freies, eigenständiges und sozialverträgliches Leben zu führen. Der Einzelne, so unken sie, wird vereinsamt und ohne jede soziale Einbindung in der anonymen Masse auf- und schließlich untergehen. Sie scheinen recht zu haben, denn der Egoismus der Variante 2.0 ist alles andere als der gelungene Entwurf einer neuen Gesellschaftsform. Deshalb wird er von linken und rechten Kräften bekämpft. Beide Seiten suchen ihr Heil in der Rückkehr zu kollektivistischen Gesellschaftsstrukturen.
Doch es gibt kein Zurück mehr. Der Prozess der Massenindividualisierung ist zu weit fortgeschritten. Er kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und zwar aus folgenden Gründen:
· Wir leben in einem narzisstischen Zeitalter. Die freigesetzten narzisstischen Triebenergien sind inzwischen so gewaltig, dass sie sich weder verdrängen noch regulieren lassen.
· Durch die Faktoren Wohlstand, Bildung und Mobilität ist es immer mehr Menschen möglich, allein und ohne Unterstützung von Familie oder Kollektiv ein freies und unabhängiges Leben zu führen. Ein solches Leben wird stets einem von Abhängigkeiten und Einschränkungen begleiteten Dasein vorgezogen.
Halten wir an dieser Stelle also fest, dass die vorherrschende westliche Gesellschaftsstruktur eine individualistische ist.
Eine solche Gesellschaftsstruktur gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Das ist absolut einmalig. Deshalb gibt es für diesen Zustand auch noch keine allgemein gültigen Regeln und Standards, weshalb ich diesen Zustand als unkultivierten Individualismus bezeichne. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass sich diese Gesellschaftsform noch keine Regeln gegeben hat. Sie hat durchaus ihre eigenen Spielregeln entwickelt.
Diese Regeln dienen, wie die in der kollektivistischen Epoche auch, der Abwehr einer Gefährdungslage. Ging es in der vorindividualistischen Phase darum, die Gruppe zu stärken und sie zusammen zu halten, so müssen die Regeln des unkultivierten Individualismus zwangsläufig dem Überleben des Individual-Egos dienen. Der einzelne Mensch muss sich aus den Abhängigkeiten von anderen Menschen und Instanzen lösen, er muss sich emanzipieren. Wie also sichert sich ein instabiles Ego davor ab, nicht zu kollabieren?
Es geht zunächst zu allem und jedem auf Distanz. Es definiert sich über seine Andersartigkeit und seine Einmaligkeit. Im Gegensatz zum Kollektivismus wird nicht das Einende, die Solidarität untereinander, sondern das Trennende (über-)betont. Das bedeutet, dass sich zwangsläufig anstatt einer Strategie des Miteinander (gemeinsam sind wir stark), eine Strategie des "Jeder gegen Jeden" durchgesetzt hat. Diese Strategie führte auf direktem Weg in die Ellenbogengesellschaft.
Um alleine überleben zu können, braucht man vor allem eines: Geld. Geld ist der Schlüssel zu Freiheit und Unabhängigkeit. Ohne eigenes Geld sind und bleiben wir von der Familie oder dem Kollektiv abhängig.
Der Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und Einmaligkeit ist tief in uns verankert. Die Sehnsucht nach einem freien und unabhängigen Leben wird von unserem narzisstischen Kern gespeist. Er ist der Stachel in unserem Fleisch, der auch dann nicht ruht, wenn wir scheinbar schon alles haben. Also dreht sich in dieser Phase alles um Gott Mammon. Nur Geld und individuelle Stärke schützt uns vor dem Rückfall in die archaischen Zeiten des Kollektivs und der Abhängigkeit von Überlebensgemeinschaften.
Daraus lässt sich folgender Ethos für die Ellenbogengesellschaft (unkultivierter Individualismus oder Egoismus der Variante 2.0) ableiten:
· Sei stets dein eigener Herr
· Nur Reichtum sichert deine individuelle Freiheit und Unabhängigkeit
· Halte alles und jeden auf Distanz, vermeide Nähe und lass niemanden an dich ran.
· Schwäche, Armut, mangelnder Ehrgeiz, Dummheit, Naivität, Inkompetenz, Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Treue, Krankheit und Alter sind bedrohlich und gefährlich
· Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen, Macht- und Gewinnstreben, Skrupellosigkeit, Fitness, Cleverness, Geiz und Risikobereitschaft sind überlebensnotwendig.
Ein solcher Ethos führt dazu, dass es nur wenige Gewinner und viele Verlierer geben wird. Er ist absolut unsozial, anarchistisch, marktradikal und egomanisch und schafft damit eine neue Gefährdungslage: Den Kollaps der Wirtschafts- und Sozialsysteme. Damit wäre die wichtigste Grundvoraussetzung für eine individualistische Gesellschaftsform extrem gefährdet: allgemeiner Wohlstand. Aus dieser Gefährdungslage heraus muss sich eine neue Überlebensstrategie, ein neuer Egoismus, ein Egoismus der Variante 3.0 entwickeln. Sollte dies nicht gelingen, droht ein Rückfall in kollektivistisch geprägte Gesellschaftsstrukturen.