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Egoismus 1.0

Der Gruppenegoismus

Im Juli 2009 wurde in Saudi Arabien eine Misswahl veranstaltet. Die besonderen Anforderungen an die zu kürende Miss bestanden jedoch nicht darin, überdurchschnittlich schön und attraktiv zu sein, nein, die Kandidatinnen hatte vielmehr nur dann eine Chance, die Wahl zu gewinnen, wenn sie fromm und fügsam waren. Drei Monate lang prüfte die Jury die Charakterfestigkeit der insgesamt 275 zum Casting angetretenen jungen Frauen. Gehorsam gegenüber Eltern, Familie und Gesellschaft war das Hauptkriterium des Ausleseverfahrens. Die 18 jährige Aia Ali el Mulla bestand die kulturellen, sozialen und psychologischen Tests am besten und ging schließlich als Siegerin hervor.

Nach Aussage von Khadra al-Mubarak, der Organisatorin dieser Tugendshow, repräsentieren die Gewinnerinnen des Castings die Kultur der saudiarabischen Gesellschaft und deren hohen islamischen Sitten am besten. 

Was hat dieser Event mit dem Thema Egoismus zu tun? Gar nichts. Egoismus gehört nämlich in diesen Kulturkreisen zu den größten Sünden überhaupt und ist damit von vornherein tabu.

Mit dem Verlangen nach Eigensinn, Unabhängigkeit, narzisstischer Selbstverliebtheit und persönlicher Freiheit lebt es sich gefährlich in islamischen Gesellschaften. Am stärksten gefährdet sind Frauen. Vor allem, wenn sie in Afghanistan oder in Somalia leben. Sie riskieren Leib und Leben, wenn sie sich nicht an die dort geltenden Sitten halten. Die Mullahs führen ein strenges Regiment. Wer nicht gehorcht, wird gezüchtigt, verstümmelt oder zum Tode verurteilt. Aber auch Männern drohen harte Sanktionen. Insbesondere, wenn sie sich anschicken im Iran Geisteswissenschaften zu studieren oder gar wie der reformislamistische Politstratege Said Hajjarian als Professor an der Universität von Teheran Soziologie zu lehren und sich dabei zu intensiv mit den deutschen Vordenkern Jürgen Habermas und Max Weber zu beschäftigen.

Was sagt uns das? Der Islam ist individualismusfeindlich. Aber nicht nur er, sondern sämtliche Kulturen und Gesellschaften, in denen es an Wohlstand, Bildung und Mobilität mangelt. Hinter dieser ausgeprägten Individualismusfeindlichkeit steckt eine nüchterne Logik: Von Beginn der Menschheitsgeschichte an ist das Individuum auf den Schutz einer intakten Gemeinschaft angewiesen. Starke Gemeinschaften retten vor Gefahr, lindern Not und bannen Angst. Deshalb ist der Zusammenhalt untereinander so wichtig. Egoismus kann bei diesen gesellschaftlichen Strukturen nicht geduldet werden, er wäre lebensgefährlich. Diese Gefährdungslage prägte die Ethik und Moral von Clan- und Sippenkulturen und gilt dort auch noch bis heute. Ehebruch, Scheidung, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Selbstbefriedigung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Geiz und Eitelkeit schwächen jede Gemeinschaft. Sexuelle und narzisstische Triebregungen stören den sozialen Frieden und müssen daher unterdrückt werden. 

Immer wieder haben es Gruppen jedoch mit einzelnen Mitgliedern zu tun, die ausbrechen wollen, weil es ihnen zu eng und zu rigide hergeht oder der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit übermächtig wird. Das kann sich eine Gruppe jedoch nicht gefallen lassen, will sie nicht riskieren, auseinander zu brechen. Bei Ehebruch oder Republikflucht drohen drakonische Strafen. Ein jeder hat an seinem Platz zu bleiben, keiner schert aus. Ob im Falle der ungehorsamen Ehefrau oder der abtrünnigen Schwester, ob im Falle Tibets oder Tschetscheniens, auf Emanzipations- oder Separationsbewegungen wird mit familiärer Gewalt oder militärischer Härte geantwortet.

Auch wenn dies nicht so scheinen mag, ein solches Verhalten ist extrem egoistisch. Allerdings haben wir es hier nicht mit einem übermächtigen Individual-, sondern mit einem dominanten Gruppenego zu tun. Weshalb ich diese Erscheinungsform des Egoismus als Variante 1.0 bezeichne: Den Gruppenegoismus. 

Jede Gruppe hat ihren eigenen Kodex. Weil jedoch sämtliche Gruppen dasselbe Ziel verfolgen, nämlich stark und mächtig zu werden und auch zu bleiben, sind die Regeln überall dieselben:

·      Die Gruppe muss zusammenhalten.

·      Keiner schert aus.

·      Wer dennoch ausschert, wird hart bestraft.

·      Alles, was die Gruppe schwächt, ist Sünde.

·      Alles, was die Gruppe stärkt, ist tugendhaft.

·      Wer sein Leben für die Gruppe opfert, ist ein Held.

·      Wer den Mitgliedern der eigenen Gruppe bei Gefahr nicht beisteht, ist ein Feigling.

·      Wer die Gruppe kritisiert, beleidigt sämtliche Mitglieder.

·      Die Gruppe bestimmt, was wahr ist und was falsch.

·      Wer anderer Meinung ist, ist ein Verräter.

·      Einer für alle, alle für einen.

Das ist stark vereinfacht der Ethos von Clan- und Sippengesellschaften, von Familiendynastien, aber auch von sozialistischen Kollektiven. 

 

 

 


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